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Lassen wir niemanden allein in Zeiten der Trauer, der Einsamkeit und der Dunkelheit!

Brief des Erzbischofs von Paderborn, Hans-Josef Becker, zu Allerheiligen und Allerseelen in Zeiten der Corona-Pandemie

Foto: Erzbistum PaderbornBrief des Erzbischofs von Paderborn, Hans-Josef Becker, zu Allerheiligen und Allerseelen in Zeiten der Corona-Pandemie

Liebe Schwestern und Brüder!

Gewöhnt sich der Mensch wirklich an alles? – Diese Frage beschäftigt mich, gerade in Zeiten von Corona. Wenn ich an die sogenannte AHA-Regel denke – Abstand, Hygiene, Alltagsmasken –, dann hätte ich es mir noch im Frühjahr kaum vorstellen können, mich an diese vielleicht etwas unbequemen Schutzmaßnahmen so schnell zu gewöhnen.

Das Gleiche gilt für den Gebrauch der Corona-Warn-App oder das „L“ für das regelmäßige Lüften in öffentlichen Räumen. Viel schmerzhafter und einschneidender aber ist für mich, was mir trauernde Angehörige von Verstorbenen geschrieben oder Seelsorgerinnen und Seelsorger von ihrer Trauerbegleitung aus der Zeit der Einschränkungen berichtet haben. Das Schlimmste war – so habe ich immer wieder gehört und auch selbst erleben müssen –, dass sich Sterbende und Angehörige vielfach nicht persönlich voneinander verabschieden konnten.

Hinzu kamen die Hygienevorgaben für Abschieds- und Begräbnisfeiern, die einen würdigen Abschied und ersten Schritt zu einer wirklichen Trauerbewältigung oft nicht zuließen. Ich weiß, dass in dieser Zeit viele zueinandergestanden haben und Seelsorgerinnen und Seelsorger viel geleistet haben, um die ihnen anvertrauten Menschen zu begleiten und für sie da zu sein.

Trotzdem gab es Situationen, die für die Verstorbenen und ihre trauernden Angehörigen äußerst belastend und beinahe unerträglich waren. Wenn nun die „dunkle Jahreszeit“ anbricht, dann rücken auch in diesem besonderen Jahr die Zeiten des Erinnerns und des Gedenkens näher. In diesen Tagen schon feiern wir Allerheiligen und Allerseelen.

Darum, liebe Schwestern und Brüder, möchte ich Ihnen besonders ans Herz legen, jetzt auch all diejenigen in Ihr Gebet einzuschließen, die in der Zeit der Besuchs- und anderen Einschränkungen verstorben sind. Und ich empfehle Ihnen auch diejenigen, die als Hinterbliebene von einem lieben Menschen nicht würdig Abschied nehmen konnten.

So können wir als Gemeinschaft der Glaubenden zum Ausdruck bringen, dass niemand allein und verlassen ist – auch in Corona-Zeiten nicht. Die Trauer kann und soll geteilt werden. Wie trostreich ist das Wort des Propheten Jesaja, der von Gott sagt: „Selbst wenn eine Frau ihren leiblichen Sohn vergisst: Ich vergesse dich nicht. Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ (Jesaja 49,15f.). Ich vertraue darauf, dass wir Menschen mit der ganzen Schöpfung aufgehoben sind in Gottes Hand. Ich bin mir sicher, dass die Welt den Glauben an die Auferstehung und das Zeugnis der Kirche gerade in der Zeit der Corona-Pandemie braucht. Erinnern wir uns in dieser Situation doch an die „Werke der Barmherzigkeit“, Schwestern und Brüder! Tote zu bestatten gehört in besonderer Weise zu den leiblichen Werken.

Und zu den geistlichen Werken gehört es, Trauernde zu trösten und für Lebende und Verstorbene zu beten. Die „Werke der Barmherzigkeit“ fordern uns heraus, uns zu bewegen, uns aufzumachen und unsere Hoffnung und Zuversicht im Glauben zu bezeugen.

Es ist unser Auftrag, Gott unsere Verstorbenen zu empfehlen, die Trauernden im Glauben aufzurichten und alle Mitmenschen in der Hoffnung auf die Auferstehung zu stärken.

Erinnern wir uns bewusst der Toten der Corona-Pandemie und aller Verstorbenen des Jahres 2020.

Ich bitte Sie: Schließen Sie sich an und beten Sie gemeinsam mit mir für die Brüder und Schwestern, die in diesem Jahr einsam verstorben sind.

Und beten wir auch für die Angehörigen und Freunde, die sich nicht verabschieden konnten.

Lassen wir niemanden allein in Zeiten der Trauer, der Einsamkeit und der Dunkelheit!

Dafür danke ich Ihnen von Herzen.

Ihr Erzbischof

Hans Josef Becker